Antisemitismus

Göttinger Bündnis zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus trauert um Esther Bejarano

Mit Deutungshoheit bezeichnet man das von einer Person oder Institution beanspruchte Recht, etwas allein und mit allumfassender Gültigkeit „deuten“ – also werten – zu können oder zu dürfen. Treffen beispielsweise im Diskurs über eine Definition verschiedene Aussagen aufeinander, entscheidet die Deutungshoheit über deren endgültige Deutung. Der Wortteil „Hoheit“ impliziert hierbei eine ihr innewohnende Autorität, die Voraussetzung für ihre Akzeptanz ist. (Quelle: Wikipedia)Presseinformation Göttingen vom 13. Juli 2021 des Göttinger Bündnis zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Göttinger Bündnis zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus trauert um Esther Bejarano.

In tiefer Anteilnahme nimmt das Göttinger Bündnis „27. Januar – Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus“ Abschied von Esther Bejarano (geb. Loewy). Sie verstarb am 10. Juli 2021 in ihrer Wahlheimat Hamburg und hinterlässt eine nicht zu schließende Lücke. Esther Bejarano hat als Überlebende der Konzentrations-bzw. Vernichtungslager Ravensbrück und Auschwitz-Birkenau, als mutige, unerschütterliche Zeitzeugin der Shoah und als Antifaschistin auch das Göttinger Gedenkbündnis immer wieder besucht. Sie warStimme im VVN-BdA und Gesicht und Verstand des internationalen Auschwitzkomitees.

„Mit Esther Bejaranos Tod haben wir eine Vorkämpferin, ein Vorbild und einen nahen Menschen verloren. Unser Wirken als Bündnis ist geprägt von ihrer Überzeugung, die Verbrechen des Nationalsozialismus und seine Kontinuitäten nie zu vergessen. Esther Bejaranos lebenslanger antifaschistischer Kampf hat unzählige Menschen erreicht und wird dem Land fehlen“, so Agnieszka Zimowska, Regionsgeschäftsführerin des DGB Südniedersachsen-Harz, stellvertretend für das Bündnis. Mit ihrem Willen, auf Generationen jüngerer erinnerungspolitisch Aktiver, auf Schüler_innen und Jugendverbände zuzugehen und mit ihnen gemeinsam über ihre Erfahrungen der Verfolgung und des Hasses zu sprechen, hat Esther Bejarano ihren eigenen, vielzitierten, Ausspruch mit Leben gefüllt und zu einer besseren, kritischeren Gesellschaft beigetragen: „Ich sage immer: Ihr seid nicht schuld an dieser schrecklichen Zeit, aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über die Geschichte wissen wollt.“

Esther Bejarano überlebte das Menschheitsverbrechen der Shoah unter anderem als Angehörige des Mädchenorchesters von Auschwitz. Sie meldete sich als Akkordeonspielerin, ohne dieses Instrument je vorher gespielt zu haben. Später gelang ihr die Flucht von einem der sog. nationalsozialistischen Todesmärsche. Beides, die Musik und ihr Mut, blieben ihr stets Schlüssel und Zugang zu Herzen und Geist der Menschen. Bejarano ging nach dem Nationalsozialismus nach Israel, studierte Gesang und arbeitete u. a. als Musiklehrerin. Mit ihren Kindern Joram und Edna formte sie später die Musikgruppe „Coincidence“ und spielten über viele Jahre Lieder des Widerstandes. Gemeinsam mit Kutlu Yurtseven und Rossi Pennino von der deutsch-türkisch-italienischen Hip-Hop-Band „Microphone Mafia“ hat die Musikerin Esther Bejarano mit über 900 Auftritten in fast fünfzehn Jahren Brücken zwischen Generationen, Genres und Antifaschist_innen geschlagen und ihre politische Überzeugung vermittelt, auch in Göttingen.

Esther Bejarano nannte ihr gesellschaftliches und politisches Wirken, das sie nach der Rückkehr nach Deutschland begonnen hatte, „meine späte Rache an den Nazis“. In den Tagen nach ihrem Tod tauchte in Berlin ein antifaschistisches Wandbild auf: „Esther, wir machen weiter. Versprochen! Aber ohne Dich wird es schwerer.“ „Zeugnis abzulegen und ihre antifaschistische Überzeugung weiterzugeben, ist Esther Bejaranos bleibendes Vermächtnis. Dem sind auch wir verpflichtet. Ihre Klugheit, ihre Kraft und ihren Mut werden wir vermissen aber niemals vergessen.“, so Zimowska.

https://www.gedenken-an-die-opfer-des-nationalsozialismus.de

Beitragsbild: Esther Bejarano im Kulturzentrum Marcel Noppeney in Uewerkuer (Oberkorn Luxemburg) 2015 (CC BY-SA 3.0 LU) Jwh Quelle