(V) Galow-Bergemann, Nieder mit der Arbeit!

Mit Deutungshoheit bezeichnet man das von einer Person oder Institution beanspruchte Recht, etwas allein und mit allumfassender Gültigkeit „deuten“ – also werten – zu können oder zu dürfen. Treffen beispielsweise im Diskurs über eine Definition verschiedene Aussagen aufeinander, entscheidet die Deutungshoheit über deren endgültige Deutung. Der Wortteil „Hoheit“ impliziert hierbei eine ihr innewohnende Autorität, die Voraussetzung für ihre Akzeptanz ist. (Quelle: Wikipedia)Vortrag von Lothar Galow-Bergemann: Nieder mit der Arbeit! Wie wir jeden Tag Verhältnisse herstellen, die uns unfrei machen.

Der Vortrag ist im Internet Archive mit dem Player dort hörbar.

Deeplink zur Audio-Datei (mp3 – 70 MB)

Ein Vortrag am 25. April 2015 im JUZ in Erlangen aus Anlass des bevorstehenden 1. Mai.
Aus der Ankündigung via Emma und Fritz:

Bald ist es wieder mal so weit: die einen feiern den „Tag der Arbeit“, die andern gar den „Internationalen Kampftag der Arbeiterklasse“. Doch wie kritisch auch immer sie sich wähnen mögen – sie stehen den herrschenden Verhältnissen näher, als sie glauben. Denn wie die ganze Gesellschaft pflegen sie ein inniges Liebesverhältnis zu einem der größten Übel unserer Zeit: zur Arbeit.

Nicht immer wurde die Arbeit so überhöht, wie das heute der Fall ist. Sie sei „eines freien Bürgers unwürdig“ meinte z.B. Aristoteles und brachte damit die Haltung der kleinen Oberschicht freier Männer seiner Zeit auf den Punkt. Sie hatten leicht reden, denn Sklaven und Frauen nahmen ihnen die Arbeit ab. Seither hat die Haltung zur Arbeit viele Wandlungen erfahren. Mit Beginn der Neuzeit erfuhr sie gar religiöse Weihen. Das sprichwörtliche protestantische Arbeitsethos stand an der Wiege des Kapitalismus und sowohl Arbeiterbewegung wie Nationalsozialismus haben die Arbeit förmlich verherrlicht. Auch heute ist der Kult um sie ungebrochen. Doch geht es uns wirklich gut mit ihr, wenn wir zum Arbeitsbeginn schon den Feierabend herbeisehnen?

Was Millionen Menschen eigentlich mit ihrem Leben anfangen könnten und in Jugendjahren vielleicht sogar einmal wirklich gewollt haben, hat keinen Bestand vor dem kalten Gott des ununterbrochenen Geld-verdienen-und-Geld-ausgeben-müssens. Kein Gott hat je größere Opfergaben verlangt und erhalten als dieser: Zerstörte Lebensentwürfe und gebrochene Rückgrate, Erniedrigungen und Gemeinheiten, ruinierte Gesundheit, Verzweiflung und Demütigung, Sucht und Wahnsinn, Mord und Selbstmord, Vernichtung von Mensch und Natur… Anders als zu Aristoteles’ Zeiten haben wir heute die technischen Voraussetzungen, um alle Menschen weltweit von der Sklaverei der Arbeit zu befreien. Aber ausgerechnet jetzt schreit alles nach “Arbeit, Arbeit, Arbeit”. Wie verrückt sind wir eigentlich und die Welt, in der wir leben? Oder stimmt gar der alte Punker Spruch ‚Arbeit ist Scheiße’?

Der Vortrag zeichnet die historische Entwicklung des Arbeitsbegriffs von der Sklaverei über den NS bis heute nach.

Der Referent: Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. in Jungle World, konkret und auf www.emafrie.de

Beitragsbild via Twitter von @emafri Lothar Galow-Bergemann während eines Vortrag.